The Great Perhaps

The Great Perhaps

Publisher: Daedalic
Entwicklerstudio: Caligari Games
Genre: Adventure
Sub-Genre: Rätsel
Art: Downloadtitel
Erscheinungsdatum: 14.08.2019

The Great Perhaps   22.08.2019 von LorD Avenger

Als Debüt-Titel des Entwicklers Caligari Games präsentiert Publisher Daedalic Entertainment (Deponia, Edna & Harvey) The Great Perhaps, das den Protagonisten gleichzeitig in eine Prä- und Postapokalypse versetzt...

 

Inhalt

 

Ein russischer Astronaut muss aus dem All dabei zusehen, wie auf der Erde eine unbekannte Katastrophe ausbricht und offenbar alles Leben auslöscht. In der Hoffnung doch noch seine Familie zu treffen kehrt er zusammen mit der an Bord installierten Künstlichen Intelligenz auf seinen Planeten zurück. Tatsächlich scheinen alle Menschen gestorben zu sein, denn Häuser sind verlassen und Skelette umarmen sich ängstlich. Erst als der Einsame eine alte Laterne entdeckt und feststellt, dass er damit für einige Augenblicke ein Tor zur Vergangenheit öffnen kann, trifft er endlich auf anderes intelligentes Leben - gleichzeitig muss er in der Postapokalypse aber ums Überleben kämpfen, wenn mutierte Kreaturen und ein bedrohliches Schattenmonster Jagd auf ihn machen.

 

Gameplay

 

Die gedrungene und im Comic-Stil entworfene Hauptfigur, die sich lediglich auf einer zweidimensionalen, handgezeichneten Ebene bewegen kann, erinnert sofort an den Download-Titel Valiant Hearts - noch dazu, weil dessen Kriegsthematik eine ähnlich dramatische und melancholische Stimmung zur Folge hatte. Während man also durchgehen, rennen oder springen die wechselnden Schauplätze erkundet, kann man mit diversen Gegenständen interagieren, die auffällig hell umrandet sind oder mit einem kleinen funkelnden Stern auf sich aufmerksam machen. Die meisten Items lassen sich aufnehmen und tragen, sodass man sie an anderer Stelle einsetzen kann. Auch werfen ist möglich, um beispielsweise Leitern außerhalb der eigenen Reichweite zu erreichen oder das Schieben von unhandlicheren Objekten. Etwas nervig ist, dass der Protagonist kein Inventar zu bieten hat und somit immer nur einen Gegenstand tragen kann - das führt zu einigem Hin- und Hergelaufe, das die Spielzeit mehr streckt als die kinderleichten Rätsel.

 

Das ausgefallenste und interessanteste Gameplay-Element des Spiels ist aber zweifelsohne die Laterne. Durch das Drücken der entsprechenden Taste aktiviert man den Lichtschein, der die andere Zeit in die aktuelle Realität durchscheinen lässt. So kann man sehen, was entweder in der Prä- oder der Postapokalypse anders ist und welche Möglichkeiten sich dadurch ergeben. Um aber wirklich mit der anderen Zeit interagieren zu können, muss die Laternentaste länger gedrückt werden, sodass der Protagonist einen tatsächlichen Zeitsprung vollführen kann. Für begrenzte Zeit kann er sich nun in der Welt vor der Katastrophe aufhalten, neue Wege oder gebrauchte Gegenstände finden, nach seiner Familie oder der Ursache der Katastrophe suchen. Der ständige Wechsel zwischen beiden Zeiten ist auch zwingend erforderlich, um Hindernisse zu überwinden oder dem Tod von der Schippe zu springen. Denn während in der Postapokalypse U-Bahn-Tunnel keinen Zweck mehr erfüllen, muss man sich in der Vergangenheit vor fahrenden Zügen in Acht nehmen - nach der Katastrophe können dafür blutrünstige Mutationen dort unten hausen. Auch simpleren Todesfallen kann so entgangen werden: In einer Zeit kann glatter Asphalt überquert werden, in der anderen machen tiefe Krater oder giftige Sümpfe das Überqueren unmöglich. Jetzt gibt es Häuserschluchten überbrückende Holzplanken, früher klaffte dort nur der Abgrund. Auch bewaffneten Soldaten oder Bankräubern kann man so ausweichen, sie überlisten oder sogar ausschalten.

 

Um das von links-nach-rechts-Laufen anspruchsvoller zu gestalten, muss man im Spielverlauf auch einige Rätsel lösen, die in der Regel den Einsatz der Laterne erfordern. So ist es beispielsweise erforderlich Menschen unbemerkt bei ihrem Tun zu beobachten, um ihr Handeln in der Postapokalypse zu rekreieren oder Gegenstände in eine andere Zeit zu transportieren, um Mechanismen zu reparieren. Als kleine Spielerei kommen auch ab und zu die klassischen Stromkreis-Puzzle vor, bei denen man vorgegebene Leitungsteile so drehen und aneinander anpassen muss, damit die Strecke lückenlos von Punkt A zu B fließen kann.

 

Bildergalerie von The Great Perhaps (17 Bilder)

Grafik

 

Charaktere und Hintergründe sind handgezeichnet und im Comic-Stil gehalten. Die Umgebungen sind gelungen und spiegeln die jeweiligen Stimmungen wider - ausgelassener Alltag vor und düstere Zerstörung nach der Apokalypse. Gerade diverse Wandmalereien erzählen nicht nur sehr schön ungesprochene Geschichten, sondern beeindrucken auch einfach visuell und verstärken den Eindruck, dass die Menschen, die dafür verantwortlich waren, nicht mehr existieren. Gerade bei den Menschen und anderen Kreaturen zeigen sich aber auch die Schwächen des Zeichner-Teams. Hier gibt es keinen einheitlichen Stil, wie die bulligen und kurzbeinigen Gestalten mit verdeckten Augen in Valiant Hearts, sondern ein reges Durcheinander von eigentlich schon viel zu comichaften Gestalten, die einen durchaus aus der ernsten Atmosphäre herausreißen. Noch viel schlimmer ist für mich persönlich aber, dass die meisten Figuren einfach wenig ansehnlich sind - Gesichter wie von Kindern gemalt oder merkwürdige Monster, die nicht einmal Nickelodeon für eine ihrer Sendungen genommen hätte. Lieber hätte ich mich in der Stimmung des Spiels verloren als mir Gedanken darüber zu machen, wer schon wieder diese Gesichtskarambolage zu verantworten hat.

 

Auch bei den Animationen bin ich nicht wirklich zufrieden. Diese eher künstlerisch gehaltenen Sidescroller mit Fokus auf Geschichte halten ihre Bewegungsanimationen ohnehin immer recht simpel, doch hier hat man das vielleicht etwas zu sehr ausgereizt. Viele Geh- und Laufanimationen, gerade bei den NPCs, wirken wie die fürchterlich unnatürlichen Bewegungen aus einem Scribblenauts-Spiel. In gescripteten Sequenzen, in denen eine Zwischensequenz einsetzt, muss man den Charakteren auch noch beim viel zu langsamen aus-dem-Bild-Laufen zusehen, bevor man den Astronauten wieder steuern kann. Bei dem Protagonisten fällt das glücklicherweise weniger auf und stört letztlich immer nur zeitweise.


Das Fazit von: LorD Avenger

 LorD Avenger

The Great Perhaps erzählt eine spannende Geschichte mit einer interessanten, innovativen Spielmechanik und verbindet zwei meiner liebsten Story-Grundsteine: Postapokalypse und Zeitreise. Einige philosophische Ansätzen mittendrin und das Ende meinen es gut, werden letztlich aber leider zu schnell und nebenbei abgefrühstückt als dass sie den von Entwicklern und Spielern gewünschten Effekt erzielen könnten. Das Gameplay läuft flüssig und in einer anderen Zeit nach einem Lösungsweg zu suchen, wenn man in der Gegenwart in eine Sackgasse gerät, macht zweifelsohne Spaß - die Rätsel stellen allerdings bedauerlicherweise so gut wie keine Herausforderung dar und optionale Aufgaben verschwinden, wenn man den nächsten Bereich betritt ohne einen Hinweis darauf, dass man nicht mehr zurück kann. Eine Levelauswahl gleicht das wieder aus. Die Spieldauer beträgt rund zwei Stunden, was kaum genug Zeit ist, um wirklich in das Geschehen einzutauchen und mitzufiebern, für den Preis aber durchaus fair ist. Und der Eindruck bleibt unterm Strich auch: Für unter 10 Euro kriegen wir hier ein wirklich innovatives Abenteuer geboten, das vielleicht nicht mit seiner Geschichte, Aufmachung oder den Rätseln im Gedächtnis bleiben wird, auf jeden Fall aber mit seiner wirklich coolen Zeitreise-Mechanik.


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positiv negativ
  • Tolle mehrseitige Zeitreise-Mechanik
  • Handgezeichnete Hintergründe sind äußerst stimmungsvoll
  • Abwechslungsreiche Umgebungen in alternativen Zeitzuständen
  • Tiefgründige Ansätze in Dialogen mit der Künstlichen Intelligenz
  • Zeichenstil versagt bei der Charaktergestaltung und -animation
  • Rätsel viel zu einfach
  • Kein Inventar, wodurch sich immer nur ein Item tragen lässt





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